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Hoftiere mal anders

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08.07.2026 | von Mag (FH) Clemens Scharre

Wenn Tiere am Hof nicht nur Teil der Produktion sind, sondern gezielt in Pädagogik und Therapie eingesetzt werden, entsteht daraus ein besonderes Feld der Diversifizierung.

Green Care.jpg © Ulrich Zinell
© Ulrich Zinell
Für bäuerliche Betriebe kann das ein zusätzliches Standbein sein – vorausgesetzt, Tierhaltung, Hofumfeld, persönliche Qualifikation und rechtliche Rahmenbedingungen passen zusammen. Tiergestützte Angebote zeigen, wie vorhandene Ressourcen am Hof auf neue Weise genutzt werden können.
Etablierte Wege der Diversifizierung wie Urlaub am Bauernhof und Direktvermarktung wurden in den vergangenen Jahren um Green Care ergänzt. Dabei werden Tiere, Gärten, Wälder, Infrastruktur oder hofeigene Lebensmittel für gesundheitsfördernde, pädagogische oder soziale Angebote genutzt.
Wie breit dieses Feld inzwischen ist, zeigt ein Blick auf die Praxis: Green Care reicht von Bauernhofkindergärten und Beschäftigungsprojekten für Menschen mit Behinderung über Senioren-Tageszentren bis hin zu gesundheitsfördernden Angeboten am Hof. Österreichweit gibt es mittlerweile mehr als 140 zertifizierte Green-Care-Betriebe. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei tiergestützte Angebote ein. Das liegt nahe, denn Tiere zählen zu den prägendsten Ressourcen eines Bauernhofs und eröffnen Möglichkeiten, die anderen Anbietern nicht zur Verfügung stehen.
Green Care.jpg © Ulrich Zinell
© Ulrich Zinell

Zwei Formen tiergestützter Angebote

Im Rahmen des EU-geförderten Vorhabens Green Care – Wo Menschen aufblühen wird grundsätzlich zwischen zwei Formen unterschieden: der Tiergestützten Aktivität am Hof und der Tiergestützten Intervention am Hof.
Die Tiergestützte Aktivität am Hof (TGA) richtet sich an Menschen jeden Alters und stellt Erlebnis, Freizeit und Wissensvermittlung in den Mittelpunkt. Die Teilnehmenden kommen mit Tieren in Kontakt, beobachten, füttern und pflegen sie und lernen dabei den Alltag am Hof kennen. Ein individueller Förderplan steht hier nicht im Vordergrund. Voraussetzung ist ein tiergestützter Lehrgang im Ausmaß von mindestens 100 Unterrichtseinheiten.
Die Tiergestützte Intervention am Hof (TGI) geht darüber hinaus. Hier werden landwirtschaftliche Nutztiere gezielt im Rahmen von Pädagogik, Sozialer Arbeit oder Therapie eingesetzt, um Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen. TGI kann in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz kommen – etwa in Schule und Kinderbetreuung, in der Jugend- oder Behindertenhilfe, in gesundheitsbezogenen Angeboten oder im Coaching. Die Einheiten sind geplant, zielgerichtet und werden dokumentiert. Voraussetzungen sind ein entsprechender sozialer, pädagogischer oder therapeutischer Grundberuf sowie eine tiergestützte Ausbildung mit mindestens 200 Unterrichtseinheiten.
Dass tiergestützte Angebote am Hof positive Effekte haben können, darauf weist auch eine aktuelle Begleitstudie der Universität Graz hin. In einem Schulprojekt wurden bei Kindern unter anderem Verbesserungen in Aufmerksamkeit, Sozialverhalten und Regelverständnis beobachtet. Auch Einfühlungsvermögen und Selbststeuerung entwickelten sich im Verlauf der Einheiten weiter (Aleksanyan et al., 2024).
Wichtig für die Umsetzung ist die rechtliche Einordnung. Reine Bildungsangebote rund ums Tier können als freie Tätigkeit gelten, wenn dabei die Wissensvermittlung im Vordergrund steht und keine gewerbe- oder berufsrechtlich geschützten Leistungen angeboten werden. Erlebnisangebote, etwa im Rahmen von Ferienbetreuung oder Kindergeburtstagen am Bauernhof, fallen hingegen in der Regel unter ein freies Gewerbe, zum Beispiel im Bereich Animation. Tiergestützte Interventionen im engeren Sinn sind dort möglich, wo das Angebot in einen rechtlich geeigneten Grundberuf oder ein entsprechendes reglementiertes Gewerbe eingebettet ist – etwa in Psychotherapie, Ergo- oder Physiotherapie, ärztliche Tätigkeiten oder Lebens- und Sozialberatung. Entscheidend ist in jedem Fall, dass das Angebot fachlich und rechtlich sauber zugeordnet ist.

Zwei Beispielbetriebe aus Niederösterreich

Auf ihrem tierapie®-Hof in Eggenburg arbeiten die beiden Psychotherapeutinnen Doris und Romana Gilli mit Menschen, die von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen oder traumatischen Erlebnissen betroffen sind. Die achtsamkeitsbasierte, prozessorientierte tiergestützte Therapie findet in Kleingruppen in Kooperation mit dem Psychosomatischen Zentrum Waldviertel – Klinik Eggenburg – sowie im Einzelsetting statt. Im Umgang mit den ausgebildeten und geprüften Therapietieren, zu denen vor allem Pferde, aber auch Esel, Hängebauchschweine und Schafe gehören, erleben die Menschen Zuwendung, Wertschätzung und Freude. So entsteht eine Grundlage, um wieder vertrauensvolle Beziehungen aufbauen zu können. Natur und Landwirtschaft bilden dabei den geschützten Rahmen.
www.tierapie-zentrum.at

Gestüt Haspelwald

Inmitten der sanften Hügellandschaft von Perschling bietet das Gestüt Haspelwald von Elke Summer einen geschützten Rahmen für Frauen, die neue Perspektiven entwickeln möchten. Die systemische Coachin und Lebens- und Sozialberaterin in Ausbildung bietet pferdegestützte Formate für unterschiedliche Lebens- und Berufssituationen an – von Begleitung in Phasen persönlicher Veränderung über mehrtägige Auszeiten bis hin zu Coaching für weibliche Führungskräfte. Im Zentrum stehen Themen wie Klarheit, Vertrauen, Resilienz, Grenzen setzen und authentische Kommunikation. Über die Arbeit mit den Pferden werden eigene Haltung, Wirkung und Körpersprache unmittelbar erfahrbar. Viele Übungen finden bewusst vom Boden aus statt und setzen keine Reiterfahrung voraus. 
www.gestuethaspelwald.at
So unterschiedlich die Schwerpunkte dieser beiden Betriebe sind, gemeinsam ist ihnen der professionelle Rahmen, in dem die Angebote stattfinden wichtig. Damit Qualität und Sicherheit gewährleistet sind, gibt es seit 2015 ein Zertifizierungssystem, das in dieser Form im deutschsprachigen Raum einmalig ist. Um die Green Care-Hoftafel zu erhalten, werden die Betriebe von der unabhängigen, akkreditierten Zertifizierungsstelle SystemCERT anhand klar definierter Qualitätskriterien überprüft. Dazu zählen unter anderem die Sicherheit am Hof, die Qualifikation der Anbieterinnen und Anbieter sowie die Einhaltung der rechtlichen Grundlagen. Die Re-Zertifizierung erfolgt alle vier Jahre. Werden Tiere aktiv in Green-Care-Angeboten eingesetzt, ist zusätzlich eine Nutztierprüfung erforderlich. Sie stellt sicher, dass die Tiere für den Einsatz mit Menschen geeignet sind, entsprechend vorbereitet wurden und unter artgerechten Bedingungen gehalten werden.
Green Care ist nicht für jeden Betrieb der richtige Weg in die Diversifizierung. Wo jedoch Tiere, Hofumfeld und persönliche Qualifikationen zusammenpassen, kann daraus ein tragfähiges Angebot entstehen. Gerade tiergestützte Formate zeigen, wie landwirtschaftliche Betriebe ihre vorhandenen Ressourcen neu nutzen können: Ein Nutztier kann Teil der Produktion sein – oder, entsprechend ausgebildet, Kinder im Rahmen der TGI in ihrer Entwicklung unterstützen. Genau in solchen neuen Verbindungen liegt das betriebliche Innovationspotenzial von Green Care.
Auswahl an tiergestützten Ausbildungen mit Anerkennung für die Green Care-Zertifizierung in den Bereichen Tiergestützte Aktivität (mindestens 100 UE) und Tiergestützte Intervention (mindestens 200 UE)

Ländliche Fortbildungsinstitute
  • Zertifikatslehrgang „Tiergestützte Intervention am Hof“ (204 UE)
  • Reitpädagogische Betreuung – FEBS nach Dell’mour® (104 UE)
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik
  • HIPS-Reittherapie – heilsames, intuitives Pferdesetting (60 ECTS)
  • MSc-Lehrgang Green Care – pädagogische, beraterische und therapeutische Interventionen mit Tieren und Pflanzen (120 ECTS)

Österreichisches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (OKTR)
  • Hippotherapie (212 UE)
  • Ergotherapie mit Pferd (430 UE)
  • Heilpädagogische und therapeutische Förderung mit dem Pferd (430 UE)
Landwirtschaftliche Fachschule Hollabrunn
  • A3 Kurs – Animal Assisted Activities (200 UE)
Lernen mit Pferden Akademie
  • Diplomierte/r Lern- und Legasthenie-/Dyskalkulietrainer/-in Masterclass (gesamt 1.160 UE, davon 255 UE mit reit- und pferdepädagogischen Inhalten)

Für mehr Informationen zu Green Care: www.greencare-oe.at
Newsletter: www.greencare-oe.at/newsletter
Facebook: www.fb.me/greencareoe
Quelle: Aleksanyan, A., Höller, P., Hopfner, J., Kaiser, J., Martinz, M., Mrosek, J., Trattner, A., Marchner, V. (2024). Tiere stützen Kinder: Ergebnisbericht einer Begleitstudie zur Tiergestützten Pädagogik am Antoniushof. Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Universität Graz.
Green Care.jpg © Ulrich Zinell
© Ulrich Zinell

Kontakt

  • Andrea Huber
    Andrea Huber
    Montfortstraße 9
    6900 Bregenz

    andrea.huber@lk-vbg.at
    T 05574/400-413
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